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Was ist eine Fragestellung?*

Wissenschaft beginnt immer mit einem Problem. Diese Problemstellung gilt es immer erst einmal so zu formulieren, dass diese auch für wissenschaftliche Laien oder Personen aus einem anderen Fachgebiet als Ihrem verständlich ist. Um unmissverständlich zu markieren, worum es in der Arbeit geht, sollte die Beschreibung der Problemstellung in eine zentrale Fragestellung münden, die der gesamten Arbeit zugrunde liegt. Übrigens: Die Anzahl der Studierenden, die meinen, eine zentrale Fragestellung müsse nicht mit einem Fragezeichen enden, ist immer wieder erstaunlich groß (bitte konsultieren Sie auch die Informationsmaterialien des Tutorienprogramms).
Sie brauchen also zuallererst EINE Leitfrage, der Sie nachgehen und die Ihr Thema strukturiert.

Vielen Studenten fällt es schwer, eine solche Leitfrage zu entwickeln; manchmal liegt das daran, dass man schon eine Antwort hat, die man beweisen möchte (wir wissen nicht, ob das in Ihrem Fall auch so ist). Wenn man aber schon eine Antwort hat, dann ist die Frage keine Frage mehr. Insofern stehen wir ganz in der Aristotelischen Tradition: Auch dort beginnt das wissenschaftliche Denken mit dem Staunen über etwas, das man (noch) nicht versteht. Gerade in der Ethnologie geht es nicht darum, Antworten - die man bereits hat - zu belegen, sondern zu versuchen, etwas - das man noch nicht versteht – zu klären (Wie gesagt, wir wissen nicht, ob Sie schon eine Antwort haben, oder ob Sie erst durch die Auseinandersetzung mit dem Material zu einer Antwort kommen wollen).

Um dies zu illustrieren hier ein Beispiel: In unseren Kursen gibt es häufig Studenten, die eine Hausarbeit über "den Islam" schreiben wollen. Zwei Gruppen kann man unterscheiden: Die einen wollen beweisen, dass "der Islam" nichts mit Ehrenmorden, Terrorismus und anderen gegenwärtig in den Medien damit assoziierten Phänomenen zu tun hat; die anderen wollen im Gegenteil dazu beweisen, dass "der Islam" schlecht ist, weil "er" etwa Frauen unterdrücke etc. Beide Gruppen haben schon jeweils eine ganz genaue stereoype Vorstellung von "dem Islam" und suchen lediglich nach Material, das ihre Position untermauert. Sie sind nicht bereit, sich auf konkrete Texte und Fallbeispiele einzulassen, um ja nicht die bereits vorgefasste Meinung in irgendeiner Weise hinterfragen zu müssen – das Problem hierbei liegt darin, dass beide Gruppen keine Fragen haben, sehr wohl aber schon eine Antwort. Das aber ist keine wissenschaftliche Herangehensweise.

Eine Frage besteht vielmehr darin, dass man etwas noch nicht weiss und versucht, diesem Nichtwissen über die Auseinandersetzung mit der entsprechenden Literatur oder empirischem Material nachzugehen.

Die zentrale Fragestellung der Arbeit sollte möglichst präzise formuliert sein und das Forschungsinteresse eng umgrenzen. Ganz wichtig: Die Leitfrage sollte nicht versuchen, "alles" zu Ihrem Thema zu erfassen und zu ergründen (um beim obigen Beispiel zu bleiben: "den Islam" erklären zu wollen); es sollte im Gegenteil eine kleine Frage sein - diese aber muss klar und präzise formuliert sein. Je unpräziser die Frage formuliert ist, desto weniger hilft sie, durch die Arbeit zu führen und diese zu strukturieren.

Wenn die Fragestellung "klein" ist, dann ist es auch leichter für Sie, den nächsten Arbeitsschritt zu vollziehen: Einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu geben. Dieser Überblick ist äusserst wichtig, denn von Ihrer Arbeit wird erwartet, dass sie sich auf dem neuesten Stand der Forschung befindet und nicht Fragen beantwortet, die schon 100-Mal beantwortet wurden. Wenn Sie den Überblick gewonnen haben, stellen Sie vielleicht unter Umständen fest, dass sie eine andere Fragestellung als ihre ursprüngliche interessanter finden oder eine Lücke im Forschungsstand entdecken, an die Sie anfangs gar nicht gedacht hatten. Wenn Sie an diesen Punkt geraten: Herzlichen Glückwunsch, jetzt sind Sie auf dem Weg, ein/e gute/r Wissenschaftler/in zu werden.

Formulieren Sie nur Fragen, die Sie am Ende der Arbeit auch beantworten können! Dazu folgende Tipps:

* Vermeiden Sie komplizierte und verschachtelte Fragesätze
* Vermeiden Sie die Aneinanderreihung von möglichst vielen Fachbegriffen
* Formulieren Sie Ihre Frage so, dass auch Fachfremde und Nichtwissenschaftler sie verstehen
* Vermeiden Sie die Formulierung ganzer Fragebatterien

Wenn Sie meinen, eine Frage gefunden zu haben, die Ihrem Anliegen entspricht, heißt dies nicht zwangsläufig, dass es bei der Formulierung bleiben muss. Häufig ergibt sich im Forschungsprozess noch eine Modifikation der Fragestellung. Das ist ganz normal. Diese Modifikation sollte allerdings nicht mehr gravierend sein. Deshalb sollten Sie im Vorfeld des Schreibprozesses, also bei der Planung Ihrer Arbeit, bereits mehrere Alternativen in Erwägung gezogen haben. Hören Sie also nicht gleich nach der ersten Formulierung einer Frage auf, über andere Fragestellungen oder Formulierungen nachzudenken. Überlegen Sie bei der Planung immer wieder neu, ob dies auch die Frage ist, der Sie nachgehen wollen. Deshalb: Probieren Sie, formulieren Sie um, erstellen Sie Alternativen, verwerfen Sie Alternativen und diskutieren Sie, bevor Sie sich entscheiden.

Weitere Informationen zur Planung einer wissenschaftlichen Arbeit können Sie auch dem sehr empfehlenswerten, umfassenden und detaillierten Buch LAMPRECHT, Markus/STAMM, Hanspeter/RUSCHETTI, Paul: Wissenschaftliches Arbeiten: Ein Leitfaden für Diplom- und Semesterarbeiten. Zürich, 1992., hier insbesondere Kapitel 5 (S.37-42) entnehmen (das Werk lässt sich als PDF leicht über die gängigen Suchmaschinen erhalten).
Ebenfalls empfehlenswert sind folgende Quellen:
BISCHOFF, Christine/OEHME-JÜNGLING, Karoline: Fragestellungen entwickeln. In: DIES./LEIMGRUBER, Walter (Hg.): Methoden der Kulturanthropologie. Köln u.a. 2014, S. 32-52.
ECO, Umberto: Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt. Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften (13. Auflage.). Wien 2010.

Bitte formulieren Sie ein Abstract (siehe linke Spalte unter "schriftliche Arbeiten") von ca. 10 Sätzen, in dem Sie die unter "Einleitung" genannten Punkte einarbeiten. Schicken Sie dem/der Seminarleiter/in das überarbeitete Abstract zu.

Wenn Sie eine Frage haben, dann bietet es sich an, sich ethnographisches Material – insbesondere Fallstudien - zu beschaffen und an einem (in Ausnahmefällen auch mehreren) ganz bestimmten Fallbeispiel/en Ihrer Frage nachzugehen. Es ist ganz wichtig, zumindest EINEN ganz bestimmten Fall zu untersuchen. Sonst gerät man in die Gefahr, nur Allgemeinplätze zu entwickeln, die nichts für das Verständnis eines ganz konkreten Phänomens beitragen.

Es wäre nun also wichtig, uns die Literaturliste zu schicken, mit der Sie arbeiten wollen. Bitte listen Sie darin nicht nur die Titel auf, sondern kommentieren Sie kurz, mit 2,3 Sätzen, worüber es in den Texten geht (denn Sie können nicht davon ausgehen, dass wir alle von Ihnen recherchierten Texte kennen). Verpflichtend in den ethnologischen Veranstaltungen ist, dass Sie mindestens 70 % Texte benutzen müssen, die von Ethnologen (Sozial- oder/und Kulturanthropologen) stammen (wir sind diesbezüglich ganz rigide und erlauben keine Ausnahmen). Lediglich bei Arbeiten, die für Vertiefungsseminare angefertigt werden, die Prof. Haller zusammen mit anderen Kollegen durchführt, ist das natürlich anders.
Gemeint sind im Übrigen Texte aus wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern - keine Zeitungsartikel.

Sie müssen selbst herausbekommen, ob ein/e Autor/in Ethnolog/in ist! Wenn Sie das nicht abprüfen können, dann verzichten Sie lieber darauf.

* Text zum Großteil von http://medien2.ifs.sozialwissenschaften.uni-tuebingen.de/ifs/arbeitsbereiche/ab4/faq.htm; z.T. mit Anmerkungen und Einschüben von D.Haller (Sommer 2007)