Ideen zu Abschlussarbeiten

Sollten Sie eine Abschlussarbeit zu einem Thema des Lehrstuhls schreiben wollen, können Sie sich gerne per E-Mail an eine/en der Mitarbeiter*rinnen wenden. Im Folgenden finden Sie einige Bereiche, die wir Ihnen empfehlen würden. Dabei ist es auch möglich, sich von den Themenfeldern inspirieren zu lassen.

Die Praktiken des Datenschutzes: DSGVO im Alltag

Die EU Datenschutzgrundverordnung wurde im Mai 2018 verbindlich eingeführt und seitdem haben alle, die eine Internetpräsenz haben sowie in irgendeiner Art und Weise Daten sammeln, sich daran anpassen müssen. Die DSGVO wird in 2020/21 evaluiert und angepasst. Dabei wäre es relevant, nicht nur rechtliche Fragen zu klären, sondern auch zu untersuchen, wie die DSGVO in das soziale Leben interveniert. So scheint es zum Beispiel für kleinere politische, kulturelle oder andere Gruppen zunehmend schwierig sich zu vernetzen. Wenn E-Mails zum Zweck einer Veranstaltung gesammelt wurden, wurden sie früher meistens auch genutzt, um die Teilnehmer*innen über weitere relevante Veranstaltungen zu informieren. Dies ist nicht mehr ohne weiteres zulässig und erschwert dadurch die soziale Organisierung. Auch stellt sich die Frage, ob die ständige Zustimmung zu Cookies im Netz zielführend ist. Zum Beispiel werden jetzt zunehmend Browsererweiterungen eingesetzt, die automatisch solchen Anfragen zustimmen. Im neoklassischen Sinne werden Internetnutzer durch den DSGVO zu rationale autonome Individuen formiert, was vielen realen Praktiken zuwider zu laufen scheint. Es stellen sich also eine Menge Fragen zum praktischen Umgang mit dem DSGVO, zu ‚Workarounds‘, zur Nutzerkonstituierung sowie letzten Endes zur Frage der Konstitution des online Rechtssubjekts. Abhängig von der genauen Fragestellung könnte eine Arbeit Fragen zu diesem Thema behandeln, z. B. durchgeführt entweder als Literaturstudie, als Diskursanalyse oder als teilnehmende Beobachtung.

Literaturvorschläge werden noch bereitgestellt.

Cyborg Environments - Gewächshäuser

Tropenhäuser und andere Gewächshäuser in botanischen Gärten können als Cyborg Environments angesehen werden. Der Begriff Cyborg wurde 1960 von NASA-Wissenschaftlern geprägt (Clynes und Kline 1960), und stellte Astronauten als kybernetische Organismen (CYBernetic + ORGanism) dar, die außerhalb der Erdatmosphäre nur durch ihre Raumanzüge, physiologische und psychologische Untersuchungen, Medikamente und viele weitere technische Hilfsmittel am Leben erhalten werden können. Mit Donna Haraways einflussreichem "Cyborg-Manifesto" (1995; in deutscher Übersetzung), wurde der Begriff "Cyborg" jedoch zu einem wichtigen sozial- und kulturwissenschaftlichen Konzept, das die Theoriebildung in diesen Disziplinen nachhaltig beeinflusste. Wie Astronauten und Kosmonauten können die ökologischen Mikrokosmen in Tropen- oder Kakteenhäusern etc. nur durch komplexe Arrangements von menschlicher Arbeit, Verwaltung, Architektur und Technologie in einer andernfalls für sie unwirtlichen Umgebung aufrechterhalten werden. Cyborg Environments betonen jedoch nicht so sehr die einzelnen Organismen als Einheiten, sondern vielmehr das Zusammenspiel der vielen Elemente, die an der Entstehung bzw. Aufrechterhaltung solcher artifizieller Öko-"Systeme" beteiligt sind. "Natur", "Kultur" und "Technik" durchdringen sich hier offensichtlich und sind aufeinander angewiesen. Ebenso wie die meisten tropischen Pflanzen oder Tiere in Mitteleuropa nicht ohne derartige Unterstützung überleben könnten, würden die Gewächshäuser ohne ihre Bewohner nicht überdauern. Eine Abschlussarbeit, die sich mit "Cyborg Environments" wie den Tropenhäusern in botanischen Gärten befasst, könnte diesen komplexen Verflechtungen empirisch nachgehen. Denkbar wären ethnographische Untersuchungen mit den Mitarbeiter*innen der botanischen Gärten, die an der Pflege dieser Orte beteiligt sind, der Beteiligung von Datenbanken, in denen der Bestand und das Befinden von Pflanzen erfasst wird, den Techniker*innen, die sich um die Steuerungselektronik, Bewässerungsanlagen oder Belüftungsmechanismen kümmern, den Pflanzen und ihren Erfordernissen/Anforderungen oder den Atmosphären. 

Literaturvorschläge

Clynes, Manfred E., and Nathan Kline (1960 ). “Cyborgs and Space.” Astronautics.

Haraway, Donna Jeanne (1995). “Ein Manifest für Cyborgs: Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften.” In Die Neuerfindung der Natur: Primaten, Cyborgs und Frauen, edited by Carmen Hammer and Immanuel Stieß, 33–72. Frankfurt/Main: Campus.

Speicherwahn

Durch die zunehmende Digitalisierung und Verbreitung von digitalen Geräten im Alltag sowie das sich ständig vergrößernde Speichervolumen werden auch zunehmend mehr Daten gespeichert: Fotos, Musik, alte Versionen von Dokumenten usw. Wenig wissen wir allerdings darüber, was dieser ‚Speicherwahn‘ für Menschen im Alltag bedeutet: Junge Eltern mögen es schön finden, ständig Fotos von ihrem Nachwuchs mit Freunden und Familie zu teilen, wobei ältere Menschen es als eine Belastung ansehen mögen, Millionen von Fotos zu ordnen, um diese nicht für die nächste Generation ‚ungeordnet‘ zu hinterlassen. Informationsarbeiter*innen fühlen sich vielleicht sicherer, weil sie alle Versionen eines Dokuments speichern können, aber haben sie vielleicht auch Probleme mit dem Management und Wiederfinden von Dokumenten? Über die Gefühlslage der Speicher*innen hinaus sind es auch die Fragen ihrer Praktiken: Wie gehen sie mit dem Speichern um: gibt es bestimmte Gewohnheiten und Rituale des Speicherns, gibt es Routinen und Managementpraktiken? Diese und weitere Fragen könnten zum Beispiel durch ethnographische Beobachtungen kombiniert und anhand von Interviews untersucht werden.

Literaturvorschläge werden noch bereitgestellt.

Hände Schütteln

Im Zuge der Corona Pandemie wurde Menschen empfohlen, sich nicht mehr die Hände zu schütteln. Dieses in (auf jeden Fall in Teilen) der Westlichen Kultur so einverleibte Ritual sollte ‚ganz einfach‘ in der Interaktion zwischen Menschen übersprungen werden. So leicht es rein körperlich ist, diese Bewegung der Hände zu unterlassen, so umfassend irritiert ist ihre Auslassung für die soziale Interaktion. Denn wie fängt eine Begegnung an und wie hört sie auf, wenn kein Ritual sie rahmt? Welche alternativen Rituale werden entwickelt? Was passiert, wenn Menschen anfangen Rituale, die kulturell bestimmt eigentlich nicht angesprochen werden sollen, sondern selbstverständlich erfolgen, auf einmal zum Thema werden? Welche alternativen Rituale werden entwickelt, wie kommen Menschen damit zurecht, wie ändert es unseren körperlichen Umgang miteinander? Wie werden ohne das Händeschütteln Verträge abgeschlossen und öffentlichkeitswirksame Bilder von sich einigenden Staatsoberhäupten gestaltet, wie verabschieden sich Spieler bei Sportsereignissen, ohne ihre Hände abzuklatschen und wie sollte Ramelow seine Antipathie gegen Höcke zeigen, wenn nicht durch das Verweigern des Händeschüttelns? Diese und viele weitere Fragen können in einer Abschlussarbeit bearbeitet werden: durch Literaturrecherche, durch empirische Beobachtungen von menschlichen Begegnungen oder durch Medienanalyse. Eine Aufarbeitung der Literatur zur Bedeutung und Wirkmächtigkeit des Händeschüttelns in unserer Kultur würde auch genügen.

Literaturvorschläge:

Pierre, Bourdieu (1982). Distinction: A social critique of the judgment of taste. Translated by Richard Nice. Cambridge: Harvard University Press. Google Scholar

Crossley, Nick (2004). "Ritual, body technique, and (inter) subjectivity." Thinking through rituals: Philosophical perspectives: 31-51.

Hamilton, Sheryl N. (2017). Rituals of intimate legal touch: regulating the end-of-game handshake in pandemic culture, The Senses and Society, 12:1, 53-68, DOI: 10.1080/17458927.2017.1268821

Ponton, Douglas (2014). The pragmatics of the handshake: a politeness index in British and Italian usage // Вестник РУДН. Серия: Лингвистика. №4. https://cyberleninka.ru/article/n/the-pragmatics-of-the-handshake-a-politeness-index-in-british-and-italian-usage.

Sich ins Gesicht fassen

Im Zuge der Corona Pandemie wurde Menschen empfohlen, sich nicht ins Gesicht zu fassen. Dabei erleben viele Menschen, wie schwierig es ist, das Anfassen des Gesichts zu unterlassen. Einerseits ist dies zu einer einverleibten Geste geworden. Andererseits ist das Anfassen des Gesichts auch eine soziale Geste, die als Kommunikation in der Interaktion zwischen Menschen eingesetzt wird. Solche Mikro-Interaktionstechniken sind besonders schwierig zu ändern, weil sie meistens unbemerkt verlaufen und nicht willensgesteuert, sondern zutiefst in die soziale Interaktion eingebettet sind. Bei den Emojis wird oft die Hand im Gesicht hinzugezogen, um bestimmte Ausdrücke zu kommunizieren. Sich ans Kinn fassen, sich in den Haaren kratzen, die Wangen massieren, Augen reiben oder den ganzen Kopf mit der Hand abstützen sind nur einige sehr verbreitete Gesten, bei denen die Hand das Gesicht anfasst. Wie solch unbemerkten Gesten in der sozialen Interaktion wirken können, kann besonders gut beobachtet werden, wenn diese ‚gestört‘ und damit bewusstgemacht werden, wie es eben zurzeit durch die Corona Pandemie der Fall ist. Eine Untersuchung der Bedeutung und Wirkmächtigkeit in der Interaktion in unserer Kultur, sich ins Gesicht mit der Hand zu fassen, könnte einerseits empirisch durch Beobachtung in der Öffentlichkeit durchgeführt werden, ggf. in Kombination mit Gesprächen oder Interviews.

Literatur zum anfangen:

Goffman, Erving (1981): Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt/M.

McNeill, David (1992). Hand and mind: What gestures reveal about thought. Chicago: University of Chicago Press.

Elias, Norbert (1982). Über den Prozeß der Zivilisation - Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Frankfurt aM: Suhrkamp.