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Forschungsstand

Frauenbewegungen haben die Moderne mitgestaltet. Gerade die "letzte Welle" der Neuen Frauenbewegungen (NFB) seit 1960 hat international zu Umbrüchen in Beziehungen, Beruf, Bildung und Kultur geführt. Sie lassen sich als eine der wichtigen sozialen Bewegungen im späten 20. Jh. einordnen, die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft tiefgehend beeinflusst, verändert und demokratisiert haben.

Eine vergleichende Untersuchung der Neuen Frau­enbewegungen in Japan und Deutschland kann einen differenzierten und vertieften Zugang zu ihrer Entwicklung und ihren Ergebnissen erbringen (vgl. Abschnitt 4). Diese zeigen interessante Unterschiede und Gemeinsamkeiten, wie die folgende kurze Übersicht zeigen soll: 

In Deutschland wie in Japan haben sich die Neuen Frauenbewegungen im Kontext der linken studentischen Protestbewegung der späten 1960er Jahre herausgebildet. Im Zuge ihrer Formierung bildeten sie Kleingruppen und horizontale Netzwerke, in denen sich vor allem junge Frauen aus verschiedenen Schichten und Lebensbereichen zusammenfanden. Ihre radikale Kritik forderte weibliche persönliche Autonomie; sie setzte an der Unterord­nung im Privatbereich und der weiblichen Sexualität an, führte dies aber weiter zur öffentlichen beruflichen und politischen Ausgrenzung von Frauen.

In Deutschland (1971) wie in Japan (1972) bildeten die Frage der eigenständigen Entscheidung über Schwan­ger­schaft und die Abtreibung ein zentrales Thema der Mobilisierung, bei dem sich die vielen Gruppen zusammenfanden. In Japan betonten die Feministinnen eine "neue autonome Mutterschaft" und forderten "eine Gesellschaft, in der Frauen gebären können und wollen". In Deutschland wurde demgegenüber der Gewaltaspekt in der Sexualität ab ca. 1975 betont.Während sich die Bewegung in Deutschland nach 1970 geschlechtshomogen als die der "Frauen" formulierte, wurde in Japan angesichts der alltäglichen Trennung von weiblichen und männlichen Lebensbereichen die Beteiligung von Männern pragmatisch gesehen und z.B. die Zusammenarbeit mit der Väterbewegung begrüßt.

In Deutschland wie in Japan fand um 1975 eine Konsolidierung des bisherigen radikalen Neuaufbruches statt, allerdings teils in unterschiedlichen Formen: In Deutschland bildeten sich Frauenprojekte in Medien, Sozialarbeit (Frauenhäuser) und Kultur heraus.

Die Lesbenbewegung zeigte wie später die der Migrantinnen auf, dass die Frauenbewegungen auf pluralen und flexiblen Identitäten aufbauen. Zugleich öffneten sich Kirchen, Gewerkschaften und Verbände für feministische Einflüsse und es bildeten sich die ersten Ansätze der Frauenforschung heraus.

Eine weitere tiefgreifende Transformation der Frauenbewegungen lässt sich in Japan wie in Deutschland ab Anfang der 1990er Jahre mit der Globalisierung einerseits, mit der Konzentration auf politische und rechtliche Veränderungen andererseits feststellen.

In Deutschland führte die friedliche Revolution von 1989 und die Vereinigung dazu, dass die Erfahrungen der Frauenbewegungen in Ost und West zusammenkamen und Berufstätigkeit von Frauen und öffentliche Kinderversorgung als Modernisierungsfrage wahrgenommen wurden.

Weiterhin konnte im Zuge der neuen Verfassungsdebatte die Gleichstellung auch als staatliche Aufgabe festgeschrieben werden.

In Japan bewirkte 1975 das Jahr der Frau der UN, das international zur Legitimation der Frauenbewegung beitrug, eine wachsende politische und gesellschaftliche Akzeptanz. Die bereits vorhandenen Netzwerke vervielfältigen und verbreiteten sich.

Die Regierung gründete lokale Kultur- und Bildungszentren für Frauen und übernahm zögerlich die UN-Maßnahmen. Die feministische Kritik an der "japanischen Betriebs- und Männergesellschaft" fand in den Massenmedien eine Bühne.

Die Gewerk­schaften, Parteien und Verbände marginalisierten die Frauen allerdings immer noch, so dass die Frauennetzwerke weiterhin den einzigen Weg zu öffentlichem Einfluss bildeten. Die ersten Ansätze der Frauenforschung bildeten sich auch in Japan.

Der rasche soziale und politische Strukturwandel setzte die Frage neuer Gleichstellungskonzepte in der Organisationsreform auf die Tagesordnung. Dabei wurde immer deutlicher, dass die Frauenfrage im Kern eine Geschlechter- und Männerfrage ist.

Die sozialkonstruktivi­stische Wende in der Frauen- und Geschlechterforschung stellte sich parallel dazu der Herausforderung, Geschlecht als sozial geschaffenes Verhältnis zu untersuchen.

Relativ spät reagierten die Neuen Frauenbewegungen in Deutschland auf die Globalisierung der Frauenfrage im Zuge der UN-Weltkonferenzen und den Gender-Mainstreaming-Ansatz, der in den EU-Vertrag von Amsterdam aufgenommen wurde.

Demgegenüber nahmen sie in Japan offensiv Bezug auf den UN-Prozess. Sie gründeten 1995 Lobby-Netzwerke und erreichten u.a. durch diesen internationalen Kontext ein neues Gleichstellungsgesetz (Danjo kyôdô sankaku shakai kihon-hô 1999). Ebenso vertieften sie internationale, vor allem aber asiatische Netzwerke.

Mit ihren Aktivitäten zur Frage der Zwangsprostituierten in der japanischen Armee während des II. Weltkriegs trugen sie entscheidend zum Ausgleich mit den Frauenbewegungen anderer asiatischer Länder und zur Vergangenheitsbewältigung bei. Weiterhin intensi­vieren die Frauennetzwerke nun ihr politisches Engagement.

Sie untersuchen den Einfluss des Geschlechts als Strukturkategorie, was Mari Ôsawa als die gender revolution in den japanischen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften beschreibt.

Allerdings sind die Entwicklung der Neuen Frauenbewegungen (NFB) und ihr wichtiger Einfluss auf gesellschaftliche Veränderungen im Modernisierungsprozess von der Geschlechter­forschung für Deutschland und Japan bisher kaum empirisch untersucht worden.
Im Vergleich zu anderen Ländern (vor allem den USA) weist der Forschungs­stand zu beiden Gesellschaften große Lücken auf.

Einige Gesamtdarstellungen zur Entwicklung der Frauenbewegung in Deutsch­land vermitteln eine Einführung und Übersicht (vgl. u.a. Apostolidou 1995; Gerhard 1990; Frevert 1986). Sie behandeln jedoch vor allem die Entwicklungen bis zum Anfang oder der Mitte der 80er Jahre und beruhen nur begrenzt auf empirischer Forschung, sondern stützen sich eher auf Berichte der Beteiligten.

Der grundle­gende, aber eher deskriptive Gesamtüberblick von Rosemarie Nave-Herz zur Frauen­bewegung in Deutschland wurde zuletzt 1997 aktualisiert; die Teile zur Neuen Frauenbewegung sind knapp gehalten.

Viele Berichte von Aktivistinnen und Aufarbeitungen der Entwicklung der NFB (vgl. u.a. Hervé 2000; Krechel 1983; Schenk 1992; Wiggershaus 1979) be­ru­hen eher auf einer Binnensicht, die durch eine grundlegende Identifikation mit ihren Zielen gekennzeichnet ist.

Ferner stellen sie die "Männerfrage", d.h. sie entwickeln Strategien, um Männern die Bedeutung ihrer Anliegen bewusst zu machen, und suchen nach Bündnissen. Diese kurze Zusammenfassung zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Entwicklung der Neuen Frauenbewegungen in Deutschland und Japan.

Sie weist daraufhin, dass beide grundlegende Veränderungen durchgemacht haben und zugleich eine Pluralisierung und Ausweitung erfahren haben. Schließlich stellen sich beide, wenn auch unterschiedlich, der Globalisierung.

Weitere empirische Forschungen beleuchten die Entwicklungen der NFB im regionalen Kontext (Dackweiler 1995; Poppenhusen 1992), wobei u.a. institutionelle Faktoren z.B. der Stadtpolitik und Verflechtungen mit anderen Verbänden betrachtet werden.

Schließlich haben einige Studien die internationale Dimension der NFB in Deutschland herausgearbeitet: Sie machen die Selbstorganisation von Migrantinnen sichtbar (Gutiér­rez Rodriguez 1999; Schwenken 2000). Ferner zeigen sie die Bedeutung und Möglich­kei­ten der UN-Dekade der Frau und der EU-Ebene für Frauenpolitik und -bewegungen auf (u.a. Dackweiler 2000; Schmidt 2000; Wichterich 2000), wie sie u.a. in den Beschlüs­sen der IV. Weltfrauenkonferenz 1995 und im gender mainstreaming zutage treten.

Eine kritische Gesamtübersicht zu Trägerinnen, Organisationsformen, Diskursen und Leitvorstellungen der NFB auf dem Stand der neueren Forschung zu sozialen Bewegungen (vgl. Ferree 1995; McAdam 1996; Rucht 1994) fehlt bisher. Darüber hinaus stehen die Ansätze zu einem interkulturellen Vergleich von Frauenbewegungen erst am Beginn.

Während die Erfahrungen und Motive der Beteiligten darin sichtbar und zugänglich werden, wäre eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Gesamtentwicklung im Wech­sel­verhältnis mit ihrem gesellschaftspolitischen Kontext noch zu leisten (vgl. Wobbe 1989).

Die vorliegenden empirischen Untersuchungen zur NFB konzentrieren sich auf einige zentrale Aspekte wie z.B. die Frage flexibler feministischer Identitäten (Gutiérrez Rodriguez 1999; Hark 1996), die Thematisierung und Organisierung in der NFB im Zusammenhang mit dem Kampf gegen Gewalt gegen Frauen, oder den Wandel von der Betroffenheit zur feministischen Professionalisierung in Frauenprojekten (Brückner 1996; 1998; 2000; Hagemann-White 1997; Schäfer 2000)

Der empirische Forschungsstand zur Neuen Frauenbewegung in Japan ist ebenfalls noch wenig entwickelt. Die bisherigen Veröffentlichungen beschäftigten sich vor allem mit der Entwicklung der feministischen Diskurse (Ehara 1990; Mae 2000), mit den feministischen Netzwerken, mit deskriptiven Berichten oder Schilderungen vor allem aus Sicht der Beteiligten, sowie mit der Herausgabe von Quellen (auf Japanisch).

Empirische Forschungen zur Entwicklung und inneren Transformationen, sowie zu den Wechselbezie­hungen von Frauenbewegungen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen liegen jedoch noch kaum vor.

Einige Artikel geben eine kurze Einführung in die NFB in den 1970er bis 90er Jahren (z.B. Buckley 1994; McKay 1998; Tanaka 1995; Terasaki 1991); allerdings beruhen sie weniger auf empirischer Forschung als auf eigener Erfahrung und Reflexion der Neuen Frauenbewegung.

Die erste Phase der Neuen Frauenbewegung (ribu, 1965-1975, s.u.) ist relativ gut in Quellen dokumentiert (Mizoguchi u.a. 1992-1995; Onna-tachi no ima o tou kai 1997).

Ebenso hat die Frauenforschung die Entwicklung der Diskurse und ihre Veränderungen intensiv aufgearbeitet (Katô 1993; Inoue et al. 1994), so dass eine Reihe japanischer Vorarbeiten für unser Vorhaben vorhanden sind.

Ansonsten konzentriert sich die Forschung auf einige Aspekte wie die Subjektivität und neue Identitätsbildung der Frauen in der NFB (Mae 1997a; 2000), sowie die Frauennetzwerke (Lenz 2000a; Ueno 1988).

Sie werden in verschiedenen Feldern betrachtet: Verbraucherinnen-Netzwerke (Mae 2000; Yazawa u.a. 1996); Netzwerke von Politikerinnen und deren UnterstützerInnen (Haruki 2000; Mae 1997b; Vogel 1997) und Kommunikationsweisen im Internet (Matsuura, 1997).

Einige Artikel zeigen auch den Einfluss der NFBen auf die etablierte Politik und seine Grenzen auf:

Sie richten sich auf die Zusammenarbeit mit der Regierung durch Einrichtung staatlicher Women’s Centers , die als regionale Kultur- und Bildungszentren für Frauen dienen (Bardsley 1999; Ishida 1996; Kanatani 1998; Yazawa 1998).

Mari Ôsawa zeichnete den Einfluss der Frauenbewegungen auf die Ausgestaltung neuer Gesetze und Richtlinien zu Gleichstellung und Sozialpolitik nach (Ôsawa 2000).

Es handelt sich jedoch um einzelne Artikel, die entweder einen knappen Übersichtscharakter haben oder einige spezifische Aspekte behandeln.

Der Forschungsstand ist also fragmentarisch und eine zusammenfassende Untersuchung der japanischen NFBen ist weiterhin ein Desiderat.